Ein normaler Mensch unter normalen Bedingungen

Standard

Holzlöffel

Ich bring’s nicht aus dem Kopf, was mir letztens passiert ist. Ich habe in der ungezwungenen Runde mit Begeisterung von meinem Kurztrip nach Kaliningrad erzählt. Denn das machen alle, wenn sie gefragt werden, wie es in den Ferien war.

Während ich also vom guten Essen schwärmte, der Gemüse- und Früchtevielfalt auf dem Markt, den netten Menschen, der positiven Emsigkeit und von den Frauen erzählte, die in den Quartieren in aller Ruhe Laub rechen, das Laub in Säcke stopfen und weit und breit kein lärmender Laubbläser die Ruhe stört, flippt eine Freundin aus. Ich solle aufhören. Das stresse sie jetzt total, diese Begeisterung von einem Land, das doch nur korrupt sei.

Ehrlich, ich war geschockt. Mir stockte der Atem, das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen, die Hitze schoss mir ins Gesicht. Solche Situationen habe ich sogar als Kind nicht erlebt, dass man mich abstellt. Mein Hirn schaltete aus, ich war buchstäblich vor den Kopf gestossen. Ich bin nicht schlagfertig. Also habe ich ein Weilchen nichts mehr gesagt.

Später im Gespräch ging es ums Lernen, dass ein Kind auf seine Lehrperson, die ihm etwas beibringen möchte, hören muss, um zu lernen. Dass es nicht auf dem stehen bleiben kann, was es schon weiss, weil das Wissensstillstand bedeute.

Auch später im Gespräch ging es darum, dass heute so vieles übertrieben sei, nicht mehr normal.

Das Leben gibt einem oft genug Bissen zu kauen, die nicht so leicht verdaulich sind. Jedenfalls sinniere ich seit Freitagnacht über diese drei Punkte nach und erkenne, dass sie zusammenhängen.

Nein, ich muss mich nicht rechtfertigen für die enthusiastische Berichterstattung meiner Erlebnisse im Osten Europas. Ich war dort, ich habe mit eigenen Augen gesehen, mit meiner Nase geschnuppert, mit meinem Herzen und Verstand wahrgenommen. Was ich berichte beruht auf Tatsachen. Man kann mich fragen, ob ich denn auch Unschönes und Unerfreuliches erlebt hätte. Ich würde bereitwillig Auskunft geben und von den armseligen Häuschen in den Aussenquartieren, vom Unrat um die Abfallcontainer, der Bauruine im Zentrum der Stadt und von den Schlaglöchern in den Strassen erzählen. Ich würde bereitwillig berichten, dass die Tiere im berühmten kaliningrader Zoo nicht zu den glücklichsten Zootieren gehören, weil man sieht, dass Kaliningrad, obwohl von der Grösse vergleichbar, nicht Zürich ist. Aber soweit ist es gar nicht gekommen. Das Bild eines Landes, das ich mit meinen Erlebnissen (und meinem seit geraumer Zeit angeeigneten Wissen) vermittelt habe, passt nicht zum Bild, das sich meine Freundin macht. Und statt sich darauf einzulassen, zuzuhören, zu reflektieren, nachzufragen, hat sie mich abgewürgt.

Es entspricht nicht der Norm, vom grössten Land der Welt ein diversifiziertes, ein gutes Bild zu haben. Der Mainstream denkt, nein weiss, dass Russland böse ist, gefährlich und korrupt, was sich aber nicht auf Fakten stützt, sondern einfach so ein Gefühl ist, das genährt wurde durch das Weltbild der Herkunftsfamilie, verschwommene Wissenshäppchen aus der längst vergangenen Schulzeit, Erinnerungen an den kalten Krieg. Das Gefühl, das heute genährt wird durch selektive Informationen in den Medien und dem bestätigenden Zunicken unter Freunden, wenn jemand schon wieder etwas Negatives von Wladimir Putin berichtet.

Ich habe das Glück, dass sich mein Vater schon in seiner Studienzeit für Russland und die Sowjetunion interessiert hat. Kurz nach der Auflösung der Sowjetunion ist er nach St. Petersburg gereist und hat schöne Erlebnisse und geschnitzte Holzlöffel und Gewürze mit nach Hause gebracht. Meine Mutter hat schon in den 60er Jahren Russisch gelernt, weil sie diese Sprache und die russische Literatur liebte. Als Teenager – zur Zeit des kalten Krieges – fiel mir das Buch „Katharina und die Russische Seele“ in die Hand und ich bin eingetaucht in eine fremde, unbekannte Welt. Ich habe erkannt, dass es andere Menschen gibt, die genauso „richtig“ sind wie wir. Ich habe erkannt, dass unsere Massstäbe nicht für alle Menschen gelten, dass aber Menschen, obwohl sie anders sind als wir, genau das Gleiche wollen, nämlich in Frieden leben, ein Dach über dem Kopf, zu essen und Freunde haben. Und sie lieben ihre Kinder genau wie wir. In Kaliningrad habe ich nichts anderes gesehen und erlebt.

Wenn wir nicht offen sind für eine Sichtweise, die sich mit unserem Bild nicht trifft, wenn wir keine Fragen stellen, sondern von vornherein kategorisch ablehnen, was neu und anders ist, dann können wir nicht lernen. Wenn wir die Auseinandersetzung mit anders Denkenden scheuen und lieber mit der genormten Masse schwimmen und uns still freuen, dass wir es so schön haben in der Schweiz, dann sind wir nicht lernfähig. Dann leben wir wie der Primarschüler, der sich weigert, zwei- und dreistellige Zahlen zusammenzuzählen, weil es im Moment so gut läuft mit den einstelligen.

Gestern habe ich meine Eltern besucht. Während das Gespräch normalerweise so verläuft, dass meine Eltern mir erzählen, was sie beschäftigt und was bei ihnen ansteht, war ich wohl so aufgewühlt, dass ich mein Freitagserlebnis und meinen Gedanken dazu loswerden musste. Mein Vater hat mich getröstet. „Reg dich nicht auf. Wer nicht hören will, ist selber schuld. Sein Verlust.“ Und auch zum Thema „normal“ hat er mir was mit auf den Weg gegeben. Ein Lehrer hätte seinerzeit (mein Vater ist 85 Jahre alt) den Spruch „Ein normaler Mensch unter normalen Bedingungen“ in die Runde geworfen und sie hätten darüber philosophiert, was denn ein normaler Mensch sei und was normale Bedingungen bedeuteten.

Statt coole Begriffe, wie Diversity, zu gebrauchen, sollten wir besser Vielfalt leben. Dann ist es aber notwendig, dass wir zuhören, wenn jemand neue, unbekannte Ideen äussert, zu denken beginnen, die Fakten checken, unser Bild von der Welt und uns selber in Frage stellen und allenfalls korrigieren. Leonardo da Vinci, nicht nur ein grossartiger Künstler, sondern auch ein Philosoph der Aufklärung so schön gesagt:

So wie das Eisen ausser Gebrauch rostet

und das still stehende Wasser verdirbt

oder bei Kälte gefriert,

so verkommt der Verstand

ohne Übung.

Kant-Bänkli

Oder ein Spruch von Immanuel Kant, einem Bürger von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad (geschrieben auf eine Parkbank in ebendieser Stadt:

Der eine sieht  in der Wasserlache den Schmutz,

,

der andere die Sterne, die sich darin spiegeln.

 

 

 

 

Advertisements

»

  1. Das ist ein super guter Artikel. Mir aus dem Herzen gesprochen, nur kann ich mich nicht so gut ausdrücken wie du. Meine Hochachtung hast du.

  2. Hei! Ich hätte in der Situation wohl anders regiert. Wenn mich jemand aufregt werde ich lauter, eindringlicher – nicht leiser. Nicht dass das jetzt besser ist… einfach anders. Jeder ist anders. Es gibt nette Leute in Russland und Deppen. Es gibt nette Leute in der Schweiz und Deppen.

  3. War da jemand Neidig?, oder eine aufgeschnappte Meinung von etwas vertritt was er gar nicht kennt, geschweige denn dafür interessiert. Ich hätte sie glaube gefragt ob schon jemand zu ihr Korrupt war oder ob sie jemand kennt der Erfahrung mit Korruption hat. Ich habe einfach Mühe mit Leuten die nicht zuhören können.
    Sag deiner Freundin, dass sie dich verletzt hat, dass es dich traurig macht wie sie sich verhalten hat.
    Vielleicht sollte sie die Sterne suchen die glänzen nämlich auf der ganzen Welt.
    Gut hast du das von der Seele geschrieben so verstickst du nicht daran.
    L G Pia

  4. Da hat Deine Freundin wohl grundlegend etwas verwechselt und ich hätte mich genauso wie Du gefühlt :-(( Dein lieber Vater tat gut daran, Dich zu trösten, ärgere Dich nicht! Land und Leute kennen lernen und von ihnen lernen, was hat das mit Politik zu tun?
    Die Sprüche von Immanuel Kant sind so wahr und man sollte sie sich immer vor Augen halten…
    In Gedanken setzte ich mich gerade auf diese Bank…

    Alles Liebe für Dich
    von Traudi.♥

  5. Und wenn Russland tatsächlich böse, korrupt und gefährlich wäre, heisst das noch lange nicht, dass es auch alle Russen sind…
    Und ich beneide Dich. Russland muss ein wunderschönes Land sein, das ich liebend gern auch mal besuchen würde.

    • Das nächste Mal (irgendwann dann) möchte ich St. Petersburg besuchen. Das ist gar nicht so weit weg. Mein Mann war in Sibirien. Man würde sich wünschen, es wäre mit der Visumsbeschaffung einfacher.

  6. Ja, dieses Urteilen ohne eigene Erfahrungen greift sowas von um sich… und die Trends in der Meinungsbildung. Und dass man dann nicht mal aufnimmt, was jemand, den man sonst schätzt, zu sagen weiß… Seltsam. Einfach ist es ja wirklich nicht sich in all den komplexen Problemlagen eine Meinung zu bilden. Aber gerade deshalb schätze ich es so sehr, wenn man mit offenem Herzen, allen Sinnen und Verstand seiner eigenen Wahrnehmung vertraut und das artikulieren kann. Ich war erst einmal in Russland, in Moskau und St. Petersburg, gerade dieser Tage vor vierzig Jahren und habe Vieles in Architektur, Kunst und Kultur sehr genossen und die menschliche Begegnung, wenn die auch trotz der Russischkenntnisse aus der Schule nicht so leichtgängig war 😉 . Ich mag den Originalklang russischer Poesie und Musik von Tschaikowski…, ach und und… Zum Beispiel aus dem Flugzeug auf die Flüsse Sibiriens schauen, das wie eine Landkarte im Geografieunterricht ausgebreitet unter einem liegt… Lieben Gruß Ghislana

  7. Was mich am meisten entsetzt ist die der Aussage zugrunde liegende Einstellung „Bei uns ist alles viel besser als bei denen“. Erstens trifft das nicht zu, und zweitens habe ich in Russland keinen Menschen getroffen, aber auch nicht einen einzigen, der so denkt.

  8. der gute alte Kant.. sehr inspirierend jedes Mal. schenke deiner „Freundin“ doch die Anleitung zur praktischen Vernunft. darinnen findet sie den kategorischen Imperativ!… ich danke dir für deine Worte! sie sind so wahr – coole Begriffe gibt es genug, weltoffene Menschen leider nicht.
    hab es fein,
    Denise

    • Obwohl ich so nah an der russischen Grenze lebe (200km sind fuer uns hier ja keine Entfernung 😉 ), war ich noch nie „drueben“. Immer nur nebendran auf unserer oder norwegischer Seite. Aber viele Russen sind bei uns hier. Habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Da wir immer nur spontane Kurztrips unternommen hatten, eruebrigte sich die Frage nach einem Visum und das Kuemmern darum. Schade, dass es Grenzen zwischen den Länder gibt. Ueberall auf der Welt gibt es viele gute Menschen … und in jedem Land auch weniger gute … . Hatte es noch nie verstanden, dass viele Menschen gleich ganze Völker verdammen und nicht in der Lage sind, zu differenzieren. ….. Regula, Dein Beitrag ist einfach toll!!! Liebe Gruesse aus der kuehlen Arktis (-18 Grad heute morgen) Gabriela

  9. Pingback: Vorurteile – Bildungssemester in Russland

Thanks for stopping by and your comment. Danke fürs Reinschauen und für deine Nachricht.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s