Altkleider-Wahnsinn? – Der Entwicklung Afrikas schaden? – Qui bono?

Standard

42747600_303

Bildquelle

Heute also mal wieder sozialpolitisch. Auf einem Blog habe ich gelesen, dass man seine Altkleider nicht mehr mit gutem Gewissen in den Sammelcontainer werfen könne, weil sie nur Schaden anrichten. Die Schreiberin beruft sich auf diesen Artikel bei msn-Nachrichten „Mit Spenden Schlechtes tun“.

Mit dem Thema Alttextilien habe ich mich vor einer Weile beschäfftigt mit Ungerechtigkeit andauernd. Dazu möchte ich meine Gedanken äussern.

Dass der heimische Markt mit Textilien in Afrika (also Produktion) nicht in Schwung kommt, hat nichts mit unseren Containern zu tun, in die wir auch aus ökologischen Gründen unsere Altkleider entsorgen, sondern unter anderm damit, dass die Rohstoffe, die es zur Kleiderproduktion benötigt, also Baumwolle, Wolle, Leder usw., mit höhren Zöllen belegt sind, als billige Fertigware aus Asien. Die heimischen Produktionsfirmen können nicht konkurrenzfähig sein. Wenn es keine Produktion gibt, gibt es auch keine Arbeitsplätze und kein Geld, sich einheimische, teurere Kleidung zu kaufen.

Der Handel mit Alttextilien ist nicht das Problem, dass die einheimische Produktion nicht in Gang kommt, sondern die Folge. Die Secondhandware generiert eine Menge von Jobs, angefangen vom Händler, die die Containerladung kauft (und Steuern von etwa 15 Prozent dafür bezahlt), seinen Angestellten, die sie sortieren, die Näherinnen, die die Kleidungsstücke in Stand stellen, über die Händlerin, die nur Oberteile oder Unterwäsche kauft und wiederverkauft, einer anderen, die sich auf Kinderkleider spezialisiert, bis zu dem Mann, der im Schuhhandel tätig ist. Hunderttausende leben vom Handel mit Alttextilien. Secondhandware aus Europa ist zudem oft von besserer Qualität (Schuhe vor allem), als die Neuware aus Asien und zudem immer noch billiger. Nur diese Kleidung könnten sich viele leisten.

Dass Afrika wirtschaflicht nicht vorwärts kommt, hat nichts mit Secondhandkleidern zu tun, sondern damit, dass die ehemaligen Kolonialherren ihre angeblich befreiten Untertanen noch immer wacker ausnehmen. Man spricht von Kapital- und Ressourcenflucht.

Afrika1.jpg

Bildquelle

Landgrabbing, sei es nun für Nahrungsmittelbeschaffung oder Ausbeutung von Bodenschätzen. Es schadet der Landbevölkerung, weil es ihr die Möglichkeit nimmt, sich selber zu versorgen, ökologische Landwirtschaft zu betreiben, unabhängig zu sein. Jahrhunderte alte Dörfer werden zerstört, Gesellschaftsgefüge auseinander gerissen, Familien entwurzelt. Am Geschäft auf den Monokulutren so gross wie der Kanton Thurgau verdienen in erster Linie internationalen Konzerne aus den Industriestaaten.

Auch zerstört europäische Überschussware den afrikanischen Markt (zum Beispiel Pouletflügel (die sind im reichen Europa nicht so beliebt, wir essen lieber Pouletbrüstchen), Milch und Tomaten aus den giftigen Treibhäusern von Spanien, um nur drei Beispiele zu nenne. Wie verwerflich ist es, Überschüsse, die man (teuer) entsorgen müsste, unter dem Deckmantel von Hilfeleistung zu verschenken/zu verkaufen und die Menschen damit vom europäischen Markt abhängig zu machen?

Jetzt die Alttextilien ins Korn zu nehmen, weil es angeblich der Entwicklung Afrikas schadet, ist das Gleiche, wie Plastiksäckli kostenpflichtig zu machen und Trinkhalme zu verbieten, um die Verschmutzung  der Ozeane zu stoppen: Man lenkt von den grossen Sündern/Problemen/Ungerechtigkeiten ab. Aber von den Mainstreammedien ist man sich ja nichts anderes gewohnt.

Weisst du um wieviel der Schiffsverkehr in den letzten Jahren zugenommen hat (die Konsumwut braucht ja Futter), und welche Dreckschleudern diese Containerschiffe sind, solange sie leben und erst recht nach ihrer Ausmusterung? Zudem Trinkhalme aus Papier verwenden und dann eine Kreuzfahrt machen?

Oder das Rettungsschiff der Medecins Sans Frontière aus dem Verkehr zu nehmen, weil sie angeblich ihre Abfälle ins Meer gekippt haben? Aber auch das ist eine andere Geschichte. Wo sind da die investigativen Journalisten? Auch das ist eine andere Geschichte.

Ich gehe mit der Aussage einig, dass zu Europas Überschüsse den Afrikanischen Markt kaputt machtn. Wenn die Altkleider ins Feld geführt werden, ist aber Fast Fashion das Übel, mit dem Ausbeutung von Mensch und Tier, Umweltverschmutzung usw. einhergehen, nur damit der Plunder noch billiger wird und noch mehr davon gekauft wird. Aber davon reden nur die alternativen Medien, denn es ist Konsum schädigend. Damit dies Produktion noch mehr angetrieben wird, ist es von Interesse, auch die Afrikaner (und andere Schwellenländer) dazuzubringen, in den Konsumkreislauf einzubinden, indem sie Neuware zu kaufen. Man nennt das dann „neue Märkte“ erschliessen. Noch perverser wird es, weil ja nur zu oft Neuware gleich auf dem Müll landet.

Aber allem zu Grunde liegt das marktwirtschaftliche Glaubensbekenntnis vom Wachstum.

Die Altkleidersammlung in Verruf zu bringen, hat aber vielleicht auch ganz niedere Gründe. Kann es sein, dass auch einfach unser Ego beleidigt ist, weil wir den armen Afrikaneren etwas schenken, sie dieses nicht einfach dankend annehmen, sondern eine Geschäftsidee daraus entwickeln, die sogar noch funktioniert? Wir sind ja nicht nur die Guten, sondern die mit dem Wissen.

Meine pessimistische Prognose ist, dass mit dem Geschäft bald Schluss ist. Der Handel mit Alttextilien ist in gewissen Ländern nämlich, vorerst auf dem Papier, illegal. Ich bin aber überzeugt, dass damit nicht der einheimischen Produkion auf die Beine geholfen wird, sondern einmal mehr, der Bevölkerung geschadet. Qui bono?

 

 

»

  1. Oh ja, da stimme ich dir zu: Das ursprüngliche Problem ist UNSER Konsumverhalten. Dass wir ständig neue Teile kaufen die wir nicht brauchen, das ist das eigentliche Problem!

Kommentare sind das Salz in der Suppe. Your comment makes me happy. :-)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s