Schlagwort-Archive: Ewigkeit

Ein neuer Tag – Samstags 33 * 22 – A New Day

Standard

Wir messen die Zeit mit irdischen Masseinheiten; Stunden, Minuten, Sekunden, Tage, Monate, Jahre. Es sind irdischen Massstäbe, wenn wir sagen, dass einer schon gehen musste. Gemessen an der Ewigkeit, ist jedes irdische Leben genügend lang. Das Wörtchen „schon“ gibt es in der Ewigkeit nicht. Dieser Sommer war mir so lang wie keiner. Zeit ist dehnbar, Zeit ist flüchtig, Zeit ist nicht wichtig. Das Leben ist ewig. Nur unsere Erdenzeit in unserer beschränkten Sichtweise ist endlich. „Euer Leben sei ein Fest!“ Heute ist ein neuer Tag.

Sprecht nicht voller Kummer

von meinem Weggehen,

sondern schliesst die Augen

und ihr werdet mich

unter euch sehen,

jetzt und immer.

Khalil Gibran

We measure time with earthly measurements: seconds, minutes, hours, days, months, years, decades, … We say, he had to go too soon. But there isn’t a „too soon regarding eternity. There isn’t one life too short. The concept of time is limited by our earthly vision. Whether it’s seven weeks, 30 years or 95 in the eye of eternity even 95 years is just a flinch. What does the length of a life matter regarding the big picture? Life is eternal, but our stay on this earth, in this body ends someday. We have to let go, our loved ones are taken good care of.

Joy and sorrow are inseparable.

Together they come,

and when one sits alone with you,

remember that the other is asleep upon your bed.  

Kahlil Gibran

Verlinkt mit Samstagsplausch bei Andrea in Berlin.

Das Fest

Standard

Petrus war im himmlischen Garten gerade mit seinen Himbeeren beschäftigt, als sich ihm von hinten der kleine Späher Raphael näherte.

«Was störst du mich in meiner Beerenmeditation», grummelte Petrus. «Du musst einen triftigen Grund haben.»

«Es ist wieder einer aus meiner Sippe parat», sagte Raphael. «Du musst die Leute zusammenrufen.»

Petrus zupfte die letzte Himbeere ab und legte sie ins Körbchen zu den anderen, rieb sich die Hände an den Hosenbeinen. Er hatte keine Eile, denn die Zeit im Himmel ist eine andere als auf der Erde. Gemächlich zog er sein Notizbuch aus seiner Hosentasche und studierte die abgegriffenen Seiten.

«Ich werde Karl mit den Vorbereitungen beauftrage», murmelte er und drehte sich zu dem Kleinen: «Ruf ihn, er soll in mein Büro kommen.»

Und Raphael hüpfte weg. Petrus räumte noch das Gartengerät zusammen, brachte die Himbeeren in die himmlische Küche, bevor er sich auf seinen Bürostuhl setzte und auf Karl wartete. Nachdenklich schaute er in die unendliche Ferne des Himmels. Er sah David mit geschlossenen Augen ruhig auf seinem Krankenbett liegen. Der junge Mann war so dünn geworden, man sah ihm an, was er in den letzten Wochen, Tagen und Stunden erdulden musste. Um ihn herum sassen seine Brüder, der Vater, die Mutter, die Freundin. Ab und zu kam ein Pfleger herein, dann wechselte eine Ärztin die Sauerstoffzufuhr und Petrus konnte Davids entspanntes Gesicht sehen. Die Fenster des Zimmers standen offen. Petrus war sehr zufrieden.

«Ja, die Zeit ist gekommen», sagte er.

Karl kam ins Büro, schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf den Stuhl Petrus gegenüber.

«Du kennst das Prozedere, Karl,» begrüsste ihn Petrus nach einer würdigen Weile.

«Ich werde die Musiker bestellen, dem Küchenpersonal sagen, dass sie das Buffet richten sollen. Von der Sippe habe ich Emilio und Greti, den alten Hess, Anna und Karlsen., Martin und Agnes, Ida, Kurt und Mirijam, Peter und Anita benachrichtigt. Raphael ist schon ganz ungeduldig. Dann gibt es noch ein paar Freiwillige, die ebenfalls vor der Himmelpforte warten, um den Neuankömmling zu begrüssen. Dario, Nadine, Andri, Evelyne und Jörg. Stell dir vor, Sempé und Uwe sind auch dabei.»

Petrus nickte bestätigend.

«Haben wir genug Getränke? Orangensaft, Bier, Wein, Süssmost, Cola?», fragte er. «Ist die Torte so schön geworden, wie sie David jeweils gemacht hat? Die Marzipanröschen, sehen sie so echt aus, wie er sie hingekriegt hat? Bei den belegten Broten muss der Sulz wirklich gleichmässigst aufgetragen sein. Ja, wir wissen, dass die belegten Brötchen an Davids Lehrabschlussprüfung nicht perfekt waren. Trotzdem. Und wir brauchen noch Raffaellos, die mag er doch so gerne.»

Karl versprach, sich um alles und noch mehr zu kümmern und verliess einen nachdenklichen Petrus. Ihm war das Herz schwer und gleichzeitig freute er sich auf die Aufnahme des liebenswürdigen jungen Mannes in den himmlischen Gefilden. Er freute sich auf die Musik, den Tanz, das schöne Essen, bis ihm einfiel, dass man noch den Himmel abstauben und die Sonne polieren müsste. Er würde sich gleich selber darum kümmern und orderte auch eine leichte Sommerbrise an. Die Wiese ist im Himmel immer grün, die Blumen blühen auch immer und die Bienen und Schmetterlinge würden zum schönen Ambiente ebenfalls beitragen. Petrus war zufrieden und gesellte sich zu den Wartenden.

Hei, war das ein Betrieb. Eine Stimmung voller Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Dann hob sich der Vorhang.

«Er kommt, er kommt!», rief der kleine Raphael. «Er kommt, er kommt!» riefen die andern. «Wie schön er ist! Was für ein liebenswürdiger Mensch. Sei willkommen, David!», rief die Menge. Und zueinander sagten sie: «Wie schön, dass ihn seine Angehörigen gehen liessen.»

Das Fest konnte beginnen. Und hätten die Trauernden auf der Erde wirklich verstanden, wie wunderbar es tatsächlich in den himmlischen Gefilden ist, wie leicht es sich anfühlt und wie klar alles wird, dass «ich cha’s eifach nöd verstoh» nicht mehr existiert, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt, ich bin sicher, sie wären getröstet.

Wir werden David wiedersehen.