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Seine letzte Fahrt

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„Ich bin Sekundarlehrer. Sie können das gerne überprüfen. Ich werde bestimmt nicht davonlaufen.“

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Gestern hat sich ein Kollege mein Auto ausgeliehen, um Material für seine Hochbeete zu besorgen. Es gebe da genau das richtige Geschäft fürs Grobe, und mein Auto, für den Abbruch angemeldet, sei das perfekte Transportmittel. Ein bisschen Dreck, ein Kratzer mehr, darauf käme es doch auch nicht mehr an. Dem habe ich nicht widersprochen und eingewilligt, dass er derjenige sei, welcher mein altersmüdes Gefährt auf seiner letzten Reise leite.

Es hat auch fast alles geklappt. Fahrer und Auto konnten schon heimische Luft schnuppern, als es schwerst beladen dem Schweizer Zöllner mit den Lichtern direkt in die Nasenlöcher zündete. In seiner Gier habe er, mein Kollege, zusätzlich 600 Liter Rindenschnitzel erworben, da doch der Preis dafür lachhaft tief gewesen sei und die Ladefläche meines Fiat Doblos beeindruckend gross  ausgesehen habe.

Der Fall schien kompliziert, vielleicht sogar gefährlich zu sein, weshalb mein Kollege an der Landesgrenze wenden und sich beim Hauptzoll melden musste. Da hiess es dann erst Mal: „Aussteigen, bitte!“

Wagenpapiere und Fahrerlaubnis wollten die Beamten sehen, aber beides war nicht griffbereit, denn erstere waren zwecks geplantem Fahrzeugwechsel beim Garagisten meines Vertrauens deponiert, und der Fahrausweis steckte im Handschuhfach des Autos, das am Mittwochnachmittag unter meinem Nussbaum in Oberheimen stand.

Es nützte nichts, den Sachverhalt zu erklären, denn schliesslich sah der Kollege, ein Bär von einem Mann, unrasiert und nach dem Einkauf im Baumarkt total verschwitzt, aus wie ein potenzieller Hanfdealer. Mein Blumen geschmücktes und altersschwaches Auto hat das Image möglicherweise verstärkt.

„Ich bitte Sie!“, versuchte er die Zöllner zu beruhigen, die sichtlich nervös das Auto inspizierten. Der jüngere blieb als Wachhund am Ort des Geschehens, während der ältere ein paar Telefonate machte und derweil mit den jungen Berufskolleginnen schäkerte. Mein Kollege versuchte erneut, die Situation zu entspannen. „Was soll das? Ich bin Sekundarlehrer, die Besitzerin des Autos ist eine Arbeitskollegin. Ich werde bestimmt nicht davonlaufen.“

Schon bald äusserte sich der junge Beamte, in allen Ritzen eifrig nach illegaler Ware suchend, beeindruckt über die Ausmasse der Ladung im Verhältnis des Preises. „So viele Steine, soviel Material für 75 Euro sagen Sie?“ Und ob er sich denn den grünen Ausfuhrschein nicht abstempeln lassen wolle …

Es wurden, wen wundert’s, keine Drogen gefunden. Um ihr Gesicht zu wahren, so scheint es zumindest, einigten sich die Zollbeamten auf 85 Kilogramm Übergewicht und eine Geldstrafe. Holzschnitzel und Steine konnten dann aber doch noch an ihren Zielort befördert werden.

 

 

 

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